Mittwoch, 9. September 2026

Mithras und die vermeintlichen Parallelen zu Jesus

 


Mithras und die vermeintlichen Parallelen zu Jesus


Mithras beziehungsweise der römische Mithraskult wird häufig in populären Darstellungen als eine Art „heidnisches Gegenstück“ zum Christentum präsentiert. Dabei werden zahlreiche Parallelen zwischen Mithras und Jesus behauptet: Beide seien am 25. Dezember geboren, von zwölf Gefährten umgeben gewesen, hätten ein gemeinsames Mahl gefeiert, seien gestorben und wieder auferstanden. Manche Darstellungen gehen sogar so weit, das Christentum als bloße Nachahmung eines älteren Mithraskultes zu bezeichnen. Eine historische Prüfung zeigt jedoch, dass viele dieser Behauptungen entweder stark vereinfacht, anachronistisch oder sachlich falsch sind.

Zunächst ist zwischen verschiedenen Gestalten namens Mithras beziehungsweise Mitra zu unterscheiden. Der indische Mitra, der iranische Mithra und der römische Mithras stehen zwar in einer religionsgeschichtlichen Verbindung, sind aber nicht identisch. Der römische Mithraskult entwickelte sich vor allem im Römischen Reich vom ersten bis zum vierten Jahrhundert nach Christus. Seine Anhänger verehrten Mithras in kleinen, meist unterirdischen Kultstätten, den sogenannten Mithräen. Der Kult war vorwiegend Männern zugänglich und fand besonders unter Soldaten, Händlern und Verwaltungsbeamten Verbreitung.

Die zentrale Darstellung des römischen Mithras ist die sogenannte *Tauroktonie*, die Tötung eines Stieres. Mithras wird dabei gezeigt, wie er einen Stier niederhält und ihm ein Messer in den Hals stößt. Aus dem Blut und dem Körper des Tieres entstehen symbolisch neues Leben und Fruchtbarkeit. Diese Szene bildet den Mittelpunkt der mithräischen Bildwelt. Eine direkte Parallele zur Kreuzigung Jesu besteht jedoch nicht. Jesus stirbt im christlichen Glauben als Mensch am Kreuz; Mithras vollzieht dagegen eine kultische Tötung, die nicht als persönliches Leiden oder als Sühneopfer für die Sünden der Menschheit verstanden wird.

Auch die Geburtserzählungen unterscheiden sich deutlich. Jesus wird nach dem Neuen Testament in Bethlehem von Maria geboren. Mithras soll nach den erhaltenen Darstellungen nicht von einer menschlichen Mutter geboren worden sein, sondern aus einem Felsen hervorgegangen sein. Dieses Motiv wird als *petra genetrix*, also „gebärender Fels“, bezeichnet. Die Geburt des Mithras und die Geburt Jesu sind daher keine parallelen Erzählungen im engeren Sinn. Die häufige Behauptung, beide seien von einer Jungfrau geboren worden, beruht auf einer ungenauen Vermischung unterschiedlicher Traditionen.

Ebenso problematisch ist die Aussage, Mithras sei am 25. Dezember geboren worden. Der 25. Dezember war im Römischen Reich mit dem Fest des *Sol Invictus*, der „unbesiegten Sonne“, verbunden. Ob dieser Tag ursprünglich ein spezielles Mithrasfest war, lässt sich aus den Quellen nicht eindeutig ableiten. Die Verbindung zwischen Weihnachten und dem 25. Dezember entwickelte sich innerhalb des Christentums erst im vierten Jahrhundert. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass das Christentum ein Mithrasfest übernommen habe. Beide Kulte bewegten sich vielmehr in derselben römischen Fest- und Symbolwelt, in der Licht und Sonne eine wichtige religiöse Bedeutung besaßen.

Die angeblichen „zwölf Jünger“ des Mithras sind ebenfalls nicht belegt. Manchmal wird behauptet, die zwölf Zeichen des Tierkreises entsprächen zwölf Gefährten oder Anhängern Mithras. In der mithräischen Kunst kommen zwar astrologische und kosmische Symbole vor, doch existiert keine zuverlässige literarische Quelle, die von zwölf Jüngern des Gottes berichtet. Jesu zwölf Apostel sind dagegen ausdrücklich in den Evangelien bezeugt und besitzen eine klare symbolische Bedeutung im Zusammenhang mit den zwölf Stämmen Israels.

Ein weiteres häufig genanntes Motiv ist das gemeinsame Mahl. In Mithräen finden sich Hinweise auf kultische Mahlzeiten, bei denen die Teilnehmer an langen Liegen speisten. Auch im Christentum besitzt das Abendmahl eine zentrale Bedeutung. Dennoch ist die Funktion beider Rituale verschieden. Das christliche Abendmahl erinnert an das letzte Mahl Jesu und wird als Teilhabe an seinem Heilsgeschehen verstanden. Das mithräische Mahl war wahrscheinlich ein gemeinschaftliches Ritual innerhalb einer Initiationsreligion. Direkte Abhängigkeit lässt sich daraus nicht nachweisen.

Besonders irreführend ist schließlich die Behauptung, Mithras sei gekreuzigt worden, gestorben und am dritten Tag auferstanden. Für eine solche Geschichte gibt es keine belastbaren Belege. Mithras wird in den Darstellungen als siegreicher, göttlicher Held gezeigt, der den Stier tötet und anschließend in den Himmel aufsteigt oder mit dem Sonnengott verbunden ist. Eine Passion mit Kreuzigung, Begräbnis und Auferstehung, wie sie für Jesus zentral ist, gehört nicht zum überlieferten Mithraskult.

Trotz dieser Unterschiede gab es gewisse strukturelle Gemeinsamkeiten. Beide Religionen verwendeten Bilder von Licht, kosmischer Ordnung, Rettung und Gemeinschaft. Beide kannten rituelle Mahlzeiten und Initiationshandlungen. Zudem boten sie ihren Anhängern eine religiöse Identität, die über die traditionelle lokale Opferreligion hinausging. Solche Gemeinsamkeiten beweisen jedoch keine direkte Übernahme. Sie können ebenso aus der gemeinsamen kulturellen Umwelt und aus allgemein verbreiteten religiösen Symbolen erklärt werden.

Insgesamt sind die Parallelen zwischen Mithras und Jesus daher differenziert zu bewerten. Einige Ähnlichkeiten bestehen tatsächlich, werden in populären Vergleichen jedoch häufig übertrieben. Die entscheidenden christlichen Inhalte – die Geburt Jesu, seine Kreuzigung, die Auferstehung und die Verkündigung des Reiches Gottes – lassen sich nicht einfach aus dem Mithraskult ableiten. Historisch angemessener ist es, von zwei unterschiedlichen religiösen Traditionen zu sprechen, die in derselben römischen Welt existierten und teilweise ähnliche symbolische Ausdrucksformen verwendeten. 

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